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Als Pensionär zur Pinne greifen
Boote: Segeln lernen können Einsteiger auch in fortgeschrittenem Alter. Eine eigene Yacht benötigen sie dafür nicht
von Klaus Bartels
Bei den Versammlungen der deutschen Segelvereine wird es deutlich: Die Haarfarbe Grau ist immer öfter zu sehen. Das Durchschnittsalter wird immer höher.
In kaum einer anderen Sportart zeigt sich die veränderte Altersstruktur in Deutschland so deutlich. Das hat einen guten Grund: Den Segelsport und vor allen Dingen das Fahrtensegeln können Interessierte bis ins hohe Alter ausüben. Die einzige Voraussetzung besteht darin, die notwendige Fitness mitzubringen. In Anbetracht der sich ständig vergrößernden Zahl rüstiger Rentner haben Segelvereine jetzt Senioren als Einsteiger in den Segelsport und neue Mitglieder der Klubs entdeckt.
"Segeln kann man mit acht und mit 80 Jahren", sagt Lutz Henning Müller, 40, Geschäftsführer des 16 000 Mitglieder zählenden Deutschen Hochseesportverbandes Hansa (DHH). Der DHH ist der größte europäische Segelverein.
Für die anstehende Saison hat der DHH erstmalig diese neue Zielgruppe umworben. In dem umfangreichen Kurs- und Törnprogramm der DHH-Yachtschulen gibt es dieses Jahr Segelkurse speziell für ältere Segler. Die Teilnehmer können hier ausprobieren, ob Segeln die Erfüllung eines Traumes werden kann.
"Mit dem neuen Angebot berücksichtigen wir den demographischen Faktor in Deutschland und die Tatsache, daß die ältere Generation fit geblieben ist", sagt Müller. Schon in den vergangenen Jahren hatten sich vermehrt ältere Segler für die Lernmöglichkeiten der Yachtschulen des DHH interessiert. Müller: "Viele der älteren trauten sich jedoch nicht. Denen kommen wir jetzt mit unseren Angeboten entgegen."
"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Segeln, Erholen und Entspannen auf der Flensburger Förde", lautet die Beschreibung eines Angebots, das der DHH Senioren in der eigenen Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg macht. Über sieben Tage können Teilnehmer dann den für sie neuen Segelsport kennenlernen.
Das Segelrevier ist Deutschlands nördlichste Ostseebucht mit ihren vielen attraktiven Zielhäfen auf deutscher und dänischer Seite.
Wer den Sportbootführerschein oder einen Segelschein bereits vorweisen kann, darf als eigenständiger Skipper auf einem der 7,70 Meter langen Folkeboote fahren. Die Boote gehören zur Ausbildungsflotte der Yachtschule. Das einwöchige Folkeboot-Segelvergnügen kostet 290 Euro.
Senioren, die lieber auf einer Elfmeteryacht das Segelrevier erkunden wollen, können auf einer der Hochseeyachten des DHH anheuern. Der Preis für die Woche beträgt 480 Euro. Geplant ist, daß die Segler die Nächte in den nahen Appartements des "Strandhotels Glücksburg" verbringen.
Beide Angebote richten sich nach den Worten von DHH-Geschäftsführer Müller an alle, die dem Segelsport verbunden bleiben wollen, ohne selbst eine eigene Yacht zu besitzen. Das erfordert in der Regel erheblichen Arbeitseinsatz bei der Pflege und zudem mitunter viel Geld, zum Beispiel für einen Liegeplatz.
Die Teilnehmer können sich, wenn sie wollen, auch mitten in den lebhaften Segelschulalltag stürzen. Bestimmt wird er von überwiegend jüngeren Seglern. Die Yachtschule Glücksburg, mit eigenem Hafen, Schulungsräumen, rund 150 Unterkünften in maritim eingerichteten Zimmern und über 60 Jollen und Yachten ist die größte Segelschule Deutschlands. Als Boote stehen den Interessenten Optimistenjollen, moderne Gleitjollen oder reinrassige Hochseeyachten zur Verfügung.
Rund 2500 Segelschüler lernen im Jahr auf der Flensburger Förde den richtigen Umgang mit Pinne und Schoten. Von der Förde aus können sie auch zu Segeltörns über die Ostsee starten.
Auf der Förde können Führerscheinkurse belegt werden oder Lehrgänge für Hochseeskipper. Selbst ein sportliches Regattatraining kann absolviert werden. Zu den Segelkursen des DHH melden sich auch Schulklassen an, und Manager trainieren auf Yachten ihre Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten.
In dieser Saison kommt nun vermehrt die Generation mit schon ergrauten Haaren dazu. Daß ältere Einsteiger viel mehr können als nur mitsegeln, macht der 66jährige Ullrich Bamberg aus Berlin deutlich. "Auf einem Segelboot fühle ich mich 20 Jahre jünger", sagt der pensionierte Hochschullehrer. Er stieß in der Saison 2003 zum DHH. Seit drei Jahren nimmt er jeweils im Sommer eine Auszeit von der Familie und geht zwei Wochen lang Segeln. Gleich in der ersten Saison legte er die Prüfung für den Sportküstenschifferschein ab, der zum Führen einer DHH-Segelyacht berechtigt.
Momentan hat sich der Berliner Pensionär wieder eine Auszeit genommen und hilft zwei Wochen lang im Winterlager. Dabei wird der Bootspark der Yachtschule für die Saison vorbereitet.
Wie für alle anderen ehrenamtlichen Helfer bleibt dieser Arbeitseinsatz auch für Bamberg nicht ohne Gegenleistung.
In der Yachtschule wird sie im Verhältnis zwei zu eins honoriert. Für zwei Wochen Winterarbeit kann entweder ein einwöchiger Segelkurs oder ein Törn auf einer der Yachten verdient werden.
Ulrich Bamberg, der als 63jähriger den Segelschein für die Küstenfahrt erworben hat, strebt nun neuen Zielen entgegen. Der Pensionär möchte die Prüfung des Sportseeschifferscheins bestehen. Dieses Patent berechtigt dazu, eine Yacht als Skipper über den Atlantik zu führen, und stellt so etwas wie die höchsten Weihen der Segelausbildung dar.
Daß ältere Segler fit für Regatten auf hohem Niveau sein können, beweist der neue Präsident des Deutschen Segler-Verbandes Rolf Bähr. Mit 65 gewann er 2005 die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft der sportlichen Tempest-Klasse.
Bähr will die Medaille beim nächsten Turnier verteidigen. Vielleicht segelt er dann sogar weiter vorn und steht noch eine Stufe höher auf dem Siegertreppchen.
GESEHEN AUF. http://www.wams.de/data/2006/03/19/861319.html?s=2
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