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Die dynamischen Senioren - Der dritte Frühling
Vor 27 Jahren war es eine Provokation und gleichzeitig so etwas wie eine Vorhersehung. "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran...", sang ein 43-Jähriger gut aussehender Schlaks, der wie 33 wirkte. "Legt die Hände nicht in den Schoß", rief er den Alten zu, die die Entbehrungen des Kriegs und die harten Jahre des Wiederaufbaus durchgemacht hatten. "Mit 66 ist noch lange nicht Schluss."
"Mit 66 Jahren fängt das Leben an" – die Schlagerzeilen wurden zum Motto einer ganzen Generation und sind heute aktueller denn je. Im Jahre 2030 werden nach Schätzungen die über 60-Jährigen die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland stellen. Die Lebenserwartung nimmt stetig zu, gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Schon jetzt erheben die Alten, die sich längst nicht zum alten Eisen zählen, ihre Stimme.
Tragende Säule der Gesellschaft
Udo Jürgens, jener Sänger, der vor 30 Jahren die Hymne auf den dritten Frühling in die Hitparaden brachte, ist einer von ihnen. Am 30. September feierte er seinen 70. Geburtstag, er hat gerade eine Autobiografie herausgebracht und denkt gar nicht daran, von der Bühne abzutreten. "Bei einer Untersuchung wurde vor kurzem mein biologisches Alter bestimmt. Das Ergebnis war fantastisch! Anfang 50", berichtete Jürgens stolz und selbstbewusst in einem Interview. Für Jürgen Sinn, Chefredakteur der Zeitschrift Lenz, ist die Generation 50 plus eine tragende Säule der Gesellschaft. "Schauen Sie sich nur das ehrenamtliche Engagement an. Die über 50-Jährigen engagieren sich in Sportvereinen und Chören, sie sind die Initiatoren und die Stützen von sozialen Bewegungen – sei es die Hospizbewegung, die "Tafeln" für Obdachlose oder Greenpeace."
Neu an dieser Generation sei ihre positive Einstellung zum Konsum, die ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht widerspricht. Während früher viele Ältere sich nichts leisteten ("Das lohnt nicht mehr"), gönnen sich heute Menschen in der Lebensmitte einiges – sie reisen, kaufen Autos oder gestalten ihr Haus um. "Der durchschnittliche Porsche-Käufer ist 58 Jahre alt", sagt Sinn. Die Zielgruppe seiner Zeitschrift – Leser im Alter von Ende 40 bis Mitte 60 – bezeichnet der 43-Jährige als "Menschen in ihren besten Jahren". Der Begriff "Senioren" ist bei Lenz tabu, denn im Gegensatz zum Englischen sei der Ausdruck im Deutschen negativ besetzt, so Sinn: "Keiner will zu den Senioren gehören. Das bedeutet kurz vor Pflegeheim."
Werbung entdeckt die Älteren
Auch die jugendfixierte Werbeindustrie entdeckt die Älteren, sie nennt sie nicht Senioren, sondern fetzig "Whoopies" (Well Off Old People), in Anlehnung an die Haarfarbe "The Silver Age" oder einfach "Best Agers". Nicole Siegel, die als Leiterin der Berliner Agentur "Senior Models" ältere Fotomodelle vermittelt, beobachtet ein Umdenken in der Werbebranche. "Das Klischee vom weißhaarigen, fußlahmen Opa im Ohrensessel ist passé, die heutigen Alten tragen fesche Kurzhaarfrisuren, verlieben sich neu und küssen sich am Strand."
Mit einem solchen Bild können sich die heutigen 60-Jährigen eher identifizieren als mit dem Klischee von in Grau und Beige gekleideten Rentnern mit Hut und den dazu passenden Ehefrauen mit Dauerwellen. Wer heute in Rente geht, gehörte in der Regel zur engagierten 68er-Generation, ist mit dem Ideal von freier Liebe, mit der Frauenbewegung und Anti-Atom-Protesten älter geworden, und engagiert sich immer noch – da gibt es mehr Möglichkeiten als je zuvor. Wer keine Enkel hat, kann sich etwa in einem Großeltern-Mietservice als Leih-Oma oder -Opa vermitteln lassen.
Vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen
Angesichts der Tatkraft vieler Älterer stellt sich die Frage, warum sie – von Ausnahmen abgesehen – mit spätestens 65 Jahren aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen werden. In Deutschland müssen viele Arbeitnehmer früher ihren Stuhl im Büro räumen. Die Wochenzeitung Die Zeit stellte kürzlich bedauernd fest, dass trotz Fachkräftemangels die Arbeitmarktlage für 55- bis 64-Jährige in Deutschland verheerend sei. Nur noch ein Drittel sei erwerbstätig, weniger als in den meisten anderen Industriestaaten. Was Senioren leisten können und dass sich Lebenserfahrung und langjährige Berufserfahrung auszahlt, beweist der "Senior Experten Service" (SES), ein ehrenamtlicher Dienst der deutschen Wirtschaft. Er vermittelt pensionierte Fach- und Führungskräfte an vorwiegend im Ausland ansässige Unternehmen. Die Senioren unterstützten in den vergangenen 21 Jahren mehr als 13.600 Projekte in 151 Ländern, vorwiegend im wirtschaftlichen und technischen Bereich. "Von den Einsätzen profitieren beide Seiten, das Unternehmen und der Experte", berichtet Julia Haun vom SES in Bonn.
Im Ausland als Experten gefragt
Einer dieser Senior Experten ist Manfred Zimmermann aus Paderborn. Der 62-jährige Techniker wurde vor zwei Jahren von seiner Firma in den Vorruhestand geschickt – "Macht Platz für die jungen Ingenieure, die vor der Tür stehen", hieß es damals. Seither führt er für seine berufstätige Frau den Haushalt. Beim SES meldete er sich, um auszuprobieren, "ob ich auch noch im Job Erfolgserlebnisse haben kann", wie Zimmermann es vorsichtig formuliert. Eigentlich wollte er nach Afrika, denn von 1975 bis 1978 hatte er drei Jahre in Südafrika gearbeitet. Doch der SES schickte ihn für einen Monat nach Malaysia. "Was wir können, können die auch", hat der Werkzeug- und Kunststoffexperte dort festgestellt. Auch wenn er nicht so viel helfen konnte – der Einblick in asiatische Unternehmenskultur und Gastfreundschaft war wie ein "Kompaktstudium" für ihn. Nun freut sich Zimmermann auf den nächsten ehrenamtlichen Einsatz in Bolivien. Dort geht es darum, den Arbeitsschutz in Bergwerken zu verbessern und die hohen Unfallraten zu senken. Zimmermann hat bereits mit einer deutschen Firma verhandelt, die eine ausrangierte Maschine zum Selbstkostenpreis nach Südamerika schicken will. Vor Ort wird der Senior Experte Ende des Jahres den Menschen zeigen, wie man Ohrstöpsel und Schutzhelme herstellt. Im kommenden Jahr soll es nach Indien gehen.
Manfred Zimmermann hat viele Pläne. Inspiriert hat ihn auch der Bestseller "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher, den er in den schwülen Nächten in Malaysia studiert hat. Darin geht es um die historische Chance der zukünftigen Alten, die bald die Mehrheit stellen werden, gegen die Diskriminierung des Alters vorzugehen.
Christina Sticht arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin in Hamburg
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