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Die Strandortfrage

Deutsche Rentner haben die südspanische Costa del Sol als Altersrefugium entdeckt. Doch ihre Regierung sähe es lieber, sie würden die Rente dort ausgeben, wo sie sie verdient haben

Von Kerstin Kohlenberg

Das Los entscheidet, und heute will es, dass Bauer, Löbach, Finke und Boelen zusammen Skat spielen. Es sind nämlich nur 17 Leute da, einer zu wenig. Da müssen eben zwei Tische zu viert spielen. Denn nach Hause schicken will Boelen, der Präsident mit Safariweste, niemanden. Je mehr Spieler da sind und ihre vier Euro Startgeld zahlen, desto höher ist der Gewinn hinterher und desto höher sind auch die Strafgelder, 50 Cent für jedes verlorene Spiel. »Wenn wir mal eine neue Gasflasche brauchen oder so«, sagt Boelen. Der Verein sorgt vor.

Boelen und Löbach tragen Vereinskleidung: ein beigefarbenes Polohemd mit einem goldenen Krönchen auf der Brust, darunter eine spanischen Flagge. Auf dem Rücken steht von einem Schulterblatt zum nächsten: »Skatclub Costa del Sol«. Eddi, der deutsche Wirt vom Rib House, stellt kleine, kniehohe Plastikhocker neben die Spieler. Die sind eigentlich für den Strand gedacht, aber wer will schon an den Strand? Die meisten sind schon so lange in Spanien, dass das Meer seinen Reiz verloren hat. Aber die Hocker sind trotzdem nützlich hier zum Abstellen der Getränke, denn Finke klopft jedes Mal, wenn er eine Karte spielt, so laut mit den Knöcheln und dem goldenen Siegelring auf den Tisch, da würde es ja ständig zu Überschwemmungen kommen.

Die Spieler kommen aus Deutschland, wo die Gesamtschulden der öffentlichen Haushalte 1292 Milliarden Euro betragen; wo der Konsum zurückgeht und die gesetzlichen Krankenkassen sechs Milliarden Euro zu wenig haben. 23 Prozent der Deutschen sind Rentner, im Jahr 2050 wird jeder Dritte älter als 60 Jahre sein. Und während die Jungen immer höhere Sozialbeiträge zahlen, kehren immer mehr Ältere und Alte Deutschland den Rücken. Rentner, ermittelte das Statistische Bundesamt, besitzen 24 Prozent des Vermögens aller Deutschen. Ein Teil dieses Geldes bleibt für immer im Ausland, zum Beispiel hier in Torrox Costa an der Costa del Sol. Boelen kommt seit 23 Jahren nach Südspanien. In dem Land mit dem Haushaltsdefizit ist er nur noch ab und zu auf Urlaub.

Der Wohlstand, heißt es, habe die Jungen unpolitisch gemacht. Aber was haben 50 Jahre Wohlstand aus den heutigen Rentnern gemacht?

In Torrox sollen die meisten Deutschen auf einem Fleck außerhalb der Bundesrepublik wohnen. 6500 Zugereiste besitzen eine Immobilie, viele bleiben das ganze Jahr. Wer sie besucht, erfährt viel über Deutschland und die Deutschen. Es gibt die Sachen, ohne die kein Deutscher glücklich wird und die kein Spanier anrührt. Sauerkirschen aus dem Glas, Haribo und Crème fraîche. »Torrox, das ist die heimliche Hauptstadt Spaniens«, sagt Finke und nimmt sich seinen Stich. Heimliche Hauptstadt. Das klingt, als wolle er sagen: Hier sitzt das Geld. Bauer mit der Schiebermütze stopft seine Karten mit der rechten Hand in die linke und sagt: »Ich lebe seit 24 Jahren hier und kann kein Wort Spanisch.«

Auf der Suche nach einem schönen Leben sind Boelen und die anderen in Südspanien gelandet. In den siebziger Jahren, als das Wirtschaftswunder in Deutschland die Menschen mutig machte. Damals hatte Hoffmann, ein deutscher Bauunternehmer aus Bremen, in Torrox-Costa Apartmenthochhäuser wie Gebirgsausläufer vor den Strand gebaut. Finke hat damals hier gekauft, Boelen etwas weiter weg in Algorrobo. Der Gastwirt Boelen kam, wann immer es die Geschäfte zuließen, aus Euskirchen, der Gastwirt Finke aus Bremerhaven. In Spanien schien die Sonne, und in Deutschland ging es aufwärts. Boelen baute sich irgendwann ein Häuschen mit Garten, Finke kaufte eine größere Wohnung. Ihr Leben wurde jedes Jahr ein bisschen besser. Die Umstände waren eben so.

»Grand«, sagt Boelen, und Finke sagt: »Wenn es nach meiner Frau ginge, dann würden wir gar nicht mehr nach Deutschland fahren. Wir haben 33 Jahre gearbeitet, ohne Urlaub.« Finke hat alles verpachtet. Die Gaststätte, den Laden und den Kiosk in Bremerhaven. Boelen hat seine drei Gaststätten und die Disco verkauft. Das Geld geben sie jetzt in Spanien aus.

Mit Deutschland verbindet sie nur noch die Rente

In Deutschland sähe man es natürlich lieber, wenn die Boelens und Finkes gerade jetzt, da eine Rezession droht, ihre neuen Gartenmöbel, Röcke und Bücher in Deutschland kaufen würden. Finkes Frau shoppt gerade in Málaga.

Hat Deutschland Sie enttäuscht, Herr Boelen?

Nö.

Sind Sie stolz auf Deutschland?

Das auch nicht. Ich bin jetzt nicht der Typ, der sich fürs Vaterland vom Felsen stürzt.

Ist er stolz auf sich selbst?

Das schon eher.

Fühlt er sich Deutschland gegenüber verantwortlich?

Nein.

Und was verbindet ihn noch mit Deutschland?

Eigentlich nur noch ein paar Freunde, sagt Boelen.

In Torrox, kann man sagen, spielt Deutschland keine Rolle mehr. Etwa 400000 bis 800000 deutsche Altersresidenten, so nennt man die Boelens und Finkes hier, leben in Spanien, schätzt die deutsche Botschaft. Die wenigsten, 70000, sind offiziell gemeldet. Das hat vor allem einen Grund: Wer ins Ausland übersiedelt, das heißt, wer länger als 183 Tage ohne Unterbrechung dort lebt, der muss damit rechnen, dass die Rente gekürzt wird oder – im Extremfall – ganz wegfällt. Wer sich offiziell im europäischen Ausland niederlässt, dem werden vor allem die Zahlungen gestrichen, die sich aus Kriegsgefangenschaft herleiten, und jene Beträge, die in Gebieten des Deutschen Reiches, die jetzt nicht mehr zur Bundesrepublik gehören, eingezahlt wurden. Außerhalb Europas sind die Abzüge noch umfangreicher. Da werden, je nach Länderabkommen, auch Zeiten wie Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit oder Ausbildung nicht berücksichtigt. Warum das so ist? Ganz einfach: Weil die Zuschüsse des Bundes im Land bleiben sollen. Sagt die Rentenexpertin der SPD Helga Kühn-Mengel.

»Herr Finke, du bist dran.« Der Tisch wird ungeduldig. Ab jetzt wird einfach nicht mehr geredet.

Mariechen Grabert (Name von der Redaktion geändert) lebt ein paar Kilometer die Küstenstraße runter Richtung Málaga. »Casa Maria« steht neben der Tür. Rot blühen die Rhododendren. Vom Garten aus sieht man mit Plastikplanen abgedeckte Obstplantagen, viele Baustellen und das Meer, und wenn man Ausdauer hat, kann man im Garten 85 Blumentöpfe zählen, sechs Plastikliegen und einen Pool. Die Luft duftet warm, und ab und zu geht ein kleiner Wind. Das ist Spanien.

Der Schritt über die Türschwelle des Hauses ist dann einer, wie man ihn sonst nur im Theater erlebt. Plötzlich steht man in einem weiß gefliesten Deutschland. Mit dem verschneiten Schloss von Jever an der Wand und den vollständigen Bänden des Lexikons der Tiere im Regal. Es riecht nach Essen, denn hier gibt es eine Schwiegermutter und Probleme mit der Rente.

Mariechen Grabert setzt sich unter das Schloss von Jever und erklärt: Dass die Oma vor fünfeinhalb Jahren zu ihnen kam, ganz offiziell, mit neuem Wohnsitz und so. Dass ihnen keiner gesagt hat, dass ihre Rente im Ausland dann von 2450 Mark auf 950 Mark gekürzt werde. Weil die Ansprüche, die der Opa in Schlesien verdient hat, im Ausland nicht ausgezahlt werden. Und auch die nötige Pflege nicht. Denn in Spanien gibt es keine Pflegeversicherung. »Also pflege ich die Oma.« Frau Grabert findet das alles zum Kotzen.

Herr Grabert kommt aus dem Garten rein: »Guten Tag, ich bin der Mann fürs Grobe«, und geht in die Küche. Die Oma blättert immer wieder die gleiche Seite im Fotoalbum um.

Wegen Herrn Graberts Herz sind sie damals nach Spanien gekommen. Es ging ihm nicht so gut, und sie dachten, er könne es in Spanien auskurieren. Aber es wurde nicht besser. Trotzdem hat Frau Grabert ihre beiden Feinkostsupermärkte in Jever verkauft, Spanisch gelernt und an der Costa del Sol zwei Reisebüros und einen Wanderverein aufgemacht. Herr Grabert ist der Einzige in der Casa Maria, der offiziell in Deutschland lebt. Denn er hat Angst um seine Rente und die Pflegeversicherung. Wie der Oma soll es ihm nicht gehen. 183 Tage, da muss er genau sein, denn wenn die Bundesanstalt für Angestellte merkt, dass man sie betrügt, stellt sie die Zahlungen so lange ein, bis die Rente neu berechnet ist. Das kann auch schon mal ein halbes Jahr dauern.

Frau Grabert plädiert für eine europäische Grundsicherung

»Europa«, schnauft Frau Grabert. »Das gibt es doch gar nicht. Nicht, wenn man dafür bestraft wird, dass man es gerne warm haben möchte.« Wenn sie könnte, würde sie eine europäische Grundrente einführen. Dasselbe würde sie mit der Krankenversicherung machen. Dann gäbe es diese ganzen blöden Probleme nicht.

Auch nicht das mit den Medikamentenkoffern.

Frau Grabert ist jetzt kaum noch zu verstehen, so fest hat sie ihre Zähne vor Wut aufeinander gebissen. Die Medikamentenkoffer, die ihre deutschen Nachbarn aus dem Urlaub in Deutschland mitbringen, sind so schwer, dass sie die kaum tragen können, sagt Frau Grabert. Und dass einer bestimmt an die 10000 Mark wert sei.

Darin sind Medikamente, die sie sich in Deutschland wahllos verschreiben lassen, weil sie die Sachen in Spanien selbst bezahlen müssten. Denn die gesetzliche Krankenversicherung passt sich den Leistungen vor Ort an. In Spanien bedeutet das: Keine freie Arztwahl, Zähne zahlt man so gut wie selbst, und wenn die Ehefrau im Krankenhaus liegt, pumpt man am besten die Luftmatratze neben ihr auf, um ihr beim Essen und Waschen zu helfen. Deshalb sind die Deutschen nicht nach Spanien gekommen.

Früher hat Frau Grabert häufig deutsche Pauschaltouristen durch Spanien geführt. Für die war immer alles selbstverständlich. Im Sozialsystem verhalten sie sich nun genauso, sagt Frau Grabert: »All inclusive.«

In Torrox sind jetzt die ersten 48 Spiele gespielt. Finke liegt an seinem Tisch vorne. Er verzieht keine Miene, er ist halt der Beste.

Sara Meininger schluckt ein großes Stück Gulasch runter. Sie präpariert sich für den letzten Angriff auf ihr Leben. Nach 20 Jahren in Südspanien ist sie in das erste deutsche Seniorenheim an der Costa del Sol gezogen. 81 Jahre ist sie alt und sitzt in der Cafeteria der Residencia Costa Tropical vor einem Teller Gulasch mit Nudeln. Frau Meininger hat ihre Lippen rot gemalt, und sie lacht immer nur mit einem Mundwinkel, mit dem rechten, wie ein echter Stummfilmstar.

Sterben in Spanien?, das hatte sie nach ihrem ersten Besuch nicht für möglich gehalten. Damals, 1958, fand sie Spanien überhaupt nicht schön. War ja nichts los hier, und wer konnte es sich denn leisten, mit dem Auto mehrmals im Jahr bis nach Andalusien zu fahren? An Fliegen hatte noch keiner gedacht. Man hatte ihr und ihrem Mann sogar ein billiges Grundstück in Marbella angeboten, aber damals war das noch ein kleines, langweiliges Fischerdörfchen. Das war, als sie noch geraucht hat, Select aus der Schweiz, aber dann kam so ein unangenehmes Kratzen im Hals, da hat sie einfach aufgehört.

So leicht war ihr Leben damals, dass sogar das Rauchen aufzugeben nicht schwer fiel. In ihrer kleinen Wohnung in der Seniorenanlage hängen Fische aus Manila, Pfauenfedern aus Indien, Jadegeishas aus Hongkong, ein Seidenteppich aus Istanbul, Bilder aus Singapur und Tunesien. Als alles gerade am schönsten war, starb ihr Mann, der Segler, mit 55. 2000 Euro Rente hat sie nun davon, 800 Euro kostet ihre Wohnung, und offiziell ist auch ihr Wohnsitz in Deutschland. Weshalb sie ihren echten Namen lieber aus der Geschichte heraushalten will.

Astrid Meyer setzt sich zu Frau Meininger an den Tisch. Meyer ist vom evangelischen Johanneswerk in Deutschland und Geschäftsführerin der Residencia, und sie ermuntert jeden, gegen den deutschen Staat vor dem europäischen Gerichtshof zu klagen. Damit die Kranken- und Pflegeversicherung auch in Spanien den deutschen Standard bezahlt. Ein Holländer, der in Deutschland gearbeitet hat, hat das schon mal für einen Teil der Pflegeversicherung gemacht und Recht bekommen. So eine Klage, sagt Astrid Meyer, würde langfristig natürlich zu höheren Ausgaben führen und letztendlich eine Senkung der Leistungen nach sich ziehen. Aber es geht ja um die Leute jetzt. Um den Aufstand für die letzte Rente.

Finke hat sich auch in der zweiten Runde tapfer geschlagen. Er hat den dritten Platz gemacht, zwölf Euro. Seine Frau ist mit goldenen Schuhen aus Málaga zurück. Sie bezahlt seinen Deckel, fahren kann er jetzt nicht mehr.

Boelen ist Vierter geworden, vier Euro. »Selber schuld«, ruft ihm Finke noch zu und hakt sich bei seiner Frau unter. Nächste Woche geht es für einen Kurzurlaub nach Deutschland.

(c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35

 

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 “Zuletzt geändert am Sonntag, 31. Juli 2011”

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