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Doktortitel mit 66 Jahren
An der Uni Wuppertal Sozialwissenschaften studiert und jetzt an der Humboldt Universität in Berlin promoviert
"Mein erster Tag an der Bergischen Universität Wuppertal begann mit einer chaotischen, nicht enden wollenden Parkplatzsuche." Lachend erzählt Helga Köhler von ihren ersten Eindrücken an der Uni Wuppertal, "dem Labyrinth aus Beton". Schließlich hatte sie in der Aufregung auf einem Gullydeckel geparkt. Ein Strafzettel über 50 Mark war die Folge. "Am nächsten Tag habe ich geübt, im engen Parkhaus zu parken." Lange ist es her, dass die 66jährige aus Hilden zum ersten Mal den Campus am Grifflenberg betrat. Heute kann sich die dynamische Seniorenstudentin mit dem Doktortitel schmücken. Bei der diesjährigen Absolventen-Feier der Humboldt Universität in Berlin wurde sie für ihre herausragende Leistung besonders geehrt.
Im Jahr 1987 beginnt Helga Köhler mit dem Seniorenstudium "Vorbereitung auf ehrenamtliche Tätigkeiten" an der Uni Dortmund. Damals ist sie 47 Jahre. Sie sucht nach einer neuen Herausforderung. "Die beiden Kinder waren erwachsen, und ich hatte den Wunsch, etwas für mich zu tun." Doch ehrenamtliches Arbeiten war für sie nicht das erklärte Ziel. Zu dem Zeitpunkt engagiert sie sich bereits bei Terre des hommes. Später gründet sie verschiedene Investment-Clubs für Frauen.
Sie entscheidet sich, im Wintersemester 1988/89 an die Uni Wuppertal zu wechseln. Hier begann im Fach Sozialwissenschaften ihr erstes "richtiges" Studium. Noch heute bekommt sie glänzende Augen, wenn sie sich zurückerinnert.
Nach dem Krieg waren ihr die Türen zur Wissenschaft verschlossen. "Es war klar, dass mein Bruder die Ausbildung finanziert bekommt", blickt die Hildenerin zurück. Ihren Wunsch Ärztin zu werden, konnte sie nicht realisieren. Stattdessen machte sie eine kaufmännische Ausbildung, arbeitete zunächst als Sekretärin und später als Assistentin der Geschäftsführung bei ThyssenKrupp. Selten überlässt sie etwas dem Zufall, lieber nimmt sie die Organisation selbst in die Hand.
Nachdem die Frustration bei den Seniorenstudierenden zunahm, gründete Helga Köhler eine Arbeitsgruppe. "Nur gemeinsam konnten wir uns in der für uns so fremden Welt behaupten. Wie oft habe ich mich in den unzähligen Gängen verlaufen", schmunzelt die selbstbewusste Dame. Sie erkennt, dass es den meisten Senioren genauso ergeht. Hieraus entsteht später der Wuppertaler Verein zur Förderung des Studiums im Alter (vfsa).
Vier Semester lang sammelt die Seniorenstudentin Scheine quer durch die Fachbereiche. Dabei entwickelt sie solch eine Begeisterung, dass sie das erworbene Zertifikat zum Abschluss des Seniorenprogramms nicht zufrieden stellt. Stattdessen wagt sie die Herausforderung und bewirbt sich um ein Regelstudium. Damit war sie die erste Seniorenstudentin, die diesen Schritt unternahm. Bis dahin war an der Universität noch nie über die Möglichkeit des Regelstudiums für diese Zielgruppe nachgedacht worden. Noch dazu fehlte ihr das Abitur. Doch ihr Wille war stärker, schließlich meldete sich die damals 50jährige zur Einstufungsprüfung.
Damit ebnet sie den Weg für die feste Installation des integrativen Seniorenstudiums an der Bergischen Uni. Ihr Durchhaltevermögen macht sich bezahlt. Schon im Jahr 1997 hält sie ihr Diplomzeugnis in den Studienfächern Gerontologie und Geragogik in den Händen.
Zu dem Zeitpunkt habe sie längst das Fieber gepackt, erzählt die 66jährige begeistert. "Meine eigenen Erfahrungen wollte ich erforschen und bewerten." Die Reaktionen im Freundeskreis auf ihre neue Leidenschaft waren nicht nur positiv. Immer wieder hatte sie sich während ihres Studiums gefragt, wie es wohl anderen wissenschaftlich ambitionierten Seniorinnen erging.
Mit ihrer Doktorarbeit "Wissenschaftliche Bildung - Ein Beitrag zur Emanzipation der Frau?", die sie zunächst in Wuppertal beginnt und in Berlin an der Humboldt Universität zu Ende führt, erforscht sie die Situation von 20 Frauen aus Ost- und Westdeutschland, die ein Seniorenstudium absolviert haben. Als hochaktuell, interessant und bahnbrechend für die nächste Seniorengeneration wurde die Arbeit auf den Feierlichkeiten in Berlin gewürdigt.
Zur Ruhe setzt sich Helga Köhler jedoch noch lange nicht. Sie ist in der Kommunalpolitik tätig. Als Fachtherapeutin für kognitive Gehirnleistungsstörungen kümmert sie sich außerdem um demenzkranke Menschen. "Das ist alles nur eine Frage des richtigen Zeitmanagements", lacht die agile Frau, "außerdem hält der Stress mich fit und jung."
Quelle: WUPPERTALER UNIMAGAZIN Nr. 29 - November/Dezember 2004
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