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Beschäftigung
Nordamerika entdeckt die älteren Arbeitnehmer
 


21. März 2006 Viele Unternehmen in Nordamerika werden auf Dauer gar nicht umhinkommen, eine größere Zahl älterer Menschen zu beschäftigen. Der demographische Wandel wird ein Umdenken in den Betrieben erzwingen, die derzeit vor allem auf jüngere Mitarbeiter setzen. Dann wird die Einsicht reifen, daß Unternehmen von den Fähigkeiten und Erfahrungen älterer Mitarbeiter profitieren können.

Kluge Unternehmen entwickeln also besser rechtzeitig ein Konzept zur Beschäftigung und Rekrutierung von Mitarbeitern über 50 Jahre. Das ist die Botschaft, die zu verbreiten sich die kürzlich gegründete „Allianz für eine erfahrene Belegschaft” zum Ziel gesetzt hat. Treibende Kraft des Bündnisses, dem sich mehr als 20 Industrieverbände und andere Interessenorganisationen angeschlossen haben, ist der Seniorenverband AARP, eine der einflußreichsten Lobbyorganisationen der Vereinigten Staaten.

„Der Wettbewerb wird schärfer”

„Der Anteil der jüngeren Arbeitnehmer an der Gesamtzahl der Beschäftigten schrumpft. Wenn Amerika im globalen Wettbewerb bestehen will, müssen seine Unternehmen Strategien entwickeln, die ihre Interessen mit denen der älteren Mitarbeiter in Einklang bringen”, argumentiert der Chairman der Allianz, Red Cavaney, der auch Präsident des Verbands der Ölindustrie ist. Cavaney und seine Mitstreiter berufen sich auf Schätzungen, wonach sich die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 55 und 64 Jahren im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends mehr als verdoppeln und zugleich die Zahl der 35 bis 44 Jahre alten Erwerbstätigen um rund 10 Prozent sinken wird. Im Januar haben die ersten der „Baby Boomer”, der geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964, das 60. Lebensjahr vollendet.

„Vielen amerikanischen Unternehmen droht mit der Pensionierung der ,Baby Boomer' der Verlust begabter und leistungsstarker Mitarbeiter in Schlüsselpositionen. Der Wettbewerb um talentierte Arbeitnehmer wird schärfer”, heißt es in einer im Auftrag der „Alliance for an Experienced Workforce” erstellten Studie. Ein Weg, dem drohenden Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern auszuweichen, sei die Weiterbeschäftigung jener, die über 50 Jahre alt sind.

„Finanzielle oder persönliche Gründen”

Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, daß ältere Mitarbeiter entgegen der landläufigen Meinung hoch motiviert und leistungsbereit seien und durch ihren Erfahrungsschatz einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisteten. Zudem klagten viele Unternehmer über mangelhafte analytische und kommunikative Fähigkeiten jüngerer Mitarbeiter sowie über deren fehlende Sachkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. Der Seniorenverband AARP veröffentlicht seit einigen Jahren eine Liste mit Unternehmen, die den Wert älterer Mitarbeiter erkannt haben und diese besonders fördern. Darauf finden sich die Baumarktkette Home Depot und die Sun Trust Bank ebenso wie die Telekommunikationsunternehmen Comcast und Verizon.

Im Bemühen um eine Verlängerung dieser Liste konzentriert sich die Allianz ganz bewußt darauf, der Wirtschaft die Notwendigkeit und den Nutzen der Beschäftigung älterer Mitarbeiter vor Augen zu führen. Zwar finden sich auch hier Erläuterungen der Beweggründe für Senioren, sich nicht vollständig in den Ruhestand zu begeben, wie sie der Seniorenverband AARP auflistet: „Viele Menschen wollen heutzutage über das traditionelle Rentenalter hinaus arbeiten, sei es aus finanziellen oder aus persönlichen Gründen.”

Höhere Kosten durch Krankenversicherung

Fast 80 Prozent der „Baby Boomer” hätten fest vor, im Rentenalter Vollzeit oder Teilzeit zu arbeiten. Das neue Interessenbündnis rechnet in der Studie aber vor allem vor, daß der Nutzen einer stabilen Belegschaft und einer geringen Fluktuation die höheren Kosten für ältere Mitarbeiter in Form von Gehalt und Zusatzleistungen deutlich übersteigen könne.

Noch scheuen viele Unternehmen die Einstellung oder Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter gerade wegen der höheren Kosten, besonders für die Krankenversicherung. Eine Diskriminierung aufgrund des Alters ist in Amerika gesetzlich verboten: Einem Älteren darf eine Stelle nicht deshalb verwehrt werden, weil die Kosten des Arbeitgebers für Lohnzusatzleistungen höher ausfallen als bei jüngeren Beschäftigten. In Ausnahmefällen läßt der Gesetzgeber eine Verringerung der Leistungen zu, falls dies möglich ist. Sie dürfen aber die Leistungen nicht unterschreiten, die jüngeren Mitarbeitern gewährt werden.

Den Angaben des Amtes für Arbeitsmarktstatistik zufolge waren im Februar in amerikanischen Unternehmen 24,1 Millionen Mitarbeiter im Alter von 55 Jahren oder darüber beschäftigt, 5,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Beschäftigten stieg während dieses Zeitraums um 2,1 Prozent. Der Anteil der Älteren an der Zahl aller Erwerbstätigen erhöhte sich in den vergangenen zwölf Monaten von 16,2 auf 16,8 Prozent.


Text: ctg. / F.A.Z., 21.03.2006, Nr. 68 / Seite 12
Bildmaterial: AP
 

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 “Zuletzt geändert am Sonntag, 31. Juli 2011”

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